Systemischer Ansatz im Coaching: Der Mensch im Kontext

Der systemische Coaching-Ansatz ist eine der drei tragenden Säulen unseres Coaching-Verständnisses. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Klient nie isoliert existiert, sondern immer Teil eines Systems ist – einer Abteilung, eines Führungsteams, einer Organisation, einer Familie. Wer im Coaching wirklich tragfähige Ergebnisse erreichen will, muss dieses System mitdenken.

Warum das System entscheidend ist

In den allermeisten Fällen beeinflussen sich das Denken und Verhalten eines Klienten und das Verhalten von Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten, Mitarbeitern, Freunden oder Familienmitgliedern gegenseitig. Was zunächst wie ein individuelles Problem aussieht, ist häufig Teil eines wechselseitigen Musters – eines Zirkels aus Wahrnehmungen, Reaktionen und wiederholten Antworten.

Ein klassisches Beispiel: Ein Mitarbeiter erlebt seinen Vorgesetzten als wenig unterstützend und zieht sich zurück. Der Vorgesetzte deutet den Rückzug als mangelndes Engagement und zeigt weniger Interesse. Beide erleben sich wechselseitig als Ursache eines Problems, das sie gemeinsam entstehen lassen. Wer nur den Mitarbeiter oder nur den Vorgesetzten coacht, ohne diese Dynamik zu erkennen, behandelt bestenfalls Symptome.

Was systemisches Denken im Coaching konkret bedeutet

Systemisch zu arbeiten heißt, im Coaching-Gespräch bewusst folgende Perspektiven einzunehmen:

  • Nicht linear („weil A, deshalb B“) sondern zirkulär denken: Wer beeinflusst wen? Wie schließt sich die Rückkopplung?
  • Nicht nach der einen wahren Ursache suchen, sondern nach beeinflussenden Faktoren im Zusammenspiel.
  • Verhalten als Antwort auf einen Kontext verstehen – nicht als Eigenschaft einer Person.
  • Veränderung an einer Stelle des Systems als Impuls verstehen, der Bewegung an anderen Stellen auslösen kann.

Diese Denkbewegung ist für viele Klienten ungewohnt. Sie sind es gewohnt, in Schuld und Ursache zu denken. Der systemische Coach eröffnet ihnen einen Raum, in dem statt der Frage „Wer ist schuld?“ die Frage „Wie hält sich das gemeinsam am Leben?“ gestellt werden kann.

Methoden des systemischen Coachings

Um das System eines Klienten sichtbar zu machen und neue Perspektiven anzuregen, stehen Ihnen als systemisch arbeitender Coach eine Reihe erprobter Werkzeuge zur Verfügung. In der Ausbildung lernen Sie unter anderem:

  • Zirkuläre Fragen – die Perspektive einer anderen Person einnehmen und dadurch neue Sichtweisen erschließen.
  • Stakeholder- und Kontext-Analyse – wer hat Interessen an der aktuellen Situation, wer könnte durch eine Veränderung berührt werden?
  • Soziogramm – die Beziehungslandschaft des Klienten visuell darstellen, mit Nähe, Distanz und Qualität der Verbindungen.
  • Aufstellungsarbeit – Systeme räumlich in Beziehung setzen und Dynamiken erlebbar machen.
  • Hypothetische Fragen – Denkblockaden umgehen und Handlungsspielräume vergrößern.

Der Effekt dieser Methoden ist oft überraschend. Bereits ein Perspektivwechsel – etwa vom Satz „weil mein Chef mich nicht fördert, bin ich nicht motiviert“ hin zum Satz „weil ich nicht motiviert bin, fördert mich mein Chef nicht“ – kann eine Vielzahl neuer Handlungsoptionen freilegen.

Systemischer Ansatz im Zusammenspiel mit den anderen Ansätzen

Der systemische Ansatz beschreibt den Kontext des Coachings. Damit im Gespräch aber tatsächlich Bewegung entsteht, brauchen Sie ergänzend zwei weitere Perspektiven. Der lösungsorientierte Ansatz hilft Ihnen, Klienten in Richtung Zukunft und Ressourcen zu bewegen. Der konstruktivistische Ansatz erinnert daran, dass die Wirklichkeit, in der ein Klient sich bewegt, seine eigene Konstruktion ist – und dass genau darin die Chance zur Veränderung liegt.

Systemisches Arbeiten in der Ausbildung erlernen

In unserer Coaching Ausbildung in München lernen Sie das systemische Arbeiten von Grund auf. Bereits im Grundlagenseminar arbeiten Sie mit ersten systemischen Fragetechniken. In der Kernausbildung vertiefen Sie die Methodik anhand echter Coaching-Anliegen. Im Zertifizierungskurs kommen anspruchsvollere Formate wie Aufstellungsarbeit und Team-Coaching hinzu.

Einen ersten Eindruck vom methodischen Ansatz und der Arbeitsweise erhalten Sie in unseren Infoabenden zur Coaching Ausbildung.

Häufige Fragen zum systemischen Coaching-Ansatz

Ist systemisches Coaching dasselbe wie systemische Familientherapie?

Nein. Beide Ansätze teilen die theoretischen Wurzeln in der Systemtheorie und arbeiten mit ähnlichen Prinzipien wie Zirkularität und Kontextbezug. Systemische Familientherapie ist jedoch eine Heilbehandlung für Menschen mit psychischen Belastungen und Störungen. Systemisches Business Coaching richtet sich an grundsätzlich handlungsfähige Menschen in beruflichen Entwicklungs- und Reflexionsfragen. Die Methoden ähneln sich, der Rahmen und die Zielsetzung unterscheiden sich klar.

Wann eignet sich ein systemischer Ansatz besonders?

Besonders wirksam ist der systemische Ansatz, wenn ein Anliegen sichtbar in ein soziales Umfeld eingebettet ist – etwa bei Konflikten im Team, bei Führungsfragen, bei Rollenklärungen, bei organisationalen Veränderungsprozessen oder immer dann, wenn ein Klient das Gefühl hat, „gegen alle“ anzukämpfen. Auch bei scheinbar individuellen Themen zeigt sich häufig, dass ein Blick auf das System neue Handlungsoptionen eröffnet.

Was ist der Unterschied zwischen linearem und zirkulärem Denken?

Lineares Denken folgt der Logik Ursache und Wirkung: A verursacht B. Zirkuläres Denken beschreibt Rückkopplungen: A beeinflusst B, B beeinflusst A zurück, gemeinsam entsteht ein sich selbst tragendes Muster. Für das Coaching ist zirkuläres Denken oft hilfreicher, weil es aus der Opferposition herausführt und die eigene Beteiligung am Muster sichtbar macht – und damit auch die Möglichkeit, das Muster zu verändern.

Muss ich für systemisches Coaching mit dem gesamten Team arbeiten?

Nein. Systemisches Arbeiten heißt nicht, dass alle Systemmitglieder physisch anwesend sein müssen. Über zirkuläre Fragen, Aufstellungsarbeit mit Symbolen oder Soziogramme lässt sich das System eines Klienten sichtbar machen, ohne dass die anderen Beteiligten dabei sind. Beim expliziten Teamcoaching – etwa im Rahmen des Systemischen TeamCoach – ist die Arbeit mit dem gesamten Team dann der zentrale Rahmen.

Welche Rolle spielt der Coach im systemischen Verständnis?

Der Coach ist Teil des Systems, in dem gearbeitet wird – nicht ein neutraler Beobachter außerhalb. Er beeinflusst durch seine Fragen, seine Reaktionen und seine Präsenz das Coaching-Geschehen mit. Diese Einsicht schützt vor der Illusion, es gebe „die eine richtige Intervention“. Als systemisch arbeitender Coach reflektieren Sie kontinuierlich Ihre eigene Wirkung und arbeiten mit der Hypothese statt mit der Gewissheit.

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Heike Vetter & Dunja Bezuk

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