Konstruktivistischer Ansatz im Coaching: Wirklichkeit ist konstruiert

Der konstruktivistische Ansatz ist die dritte tragende Säule unseres Coaching-Verständnisses. Er steht für eine grundlegende Haltung: Es gibt keine objektive Realität, die alle Menschen gleich wahrnehmen. Jeder Mensch interpretiert und bewertet die Dinge und Ereignisse um sich herum und konstruiert daraus seine eigene Weltsicht. Diese Weltsicht wiederum bestimmt sein Verhalten.

Was das für das Coaching bedeutet

Wenn Wirklichkeit konstruiert ist, dann ist sie auch veränderbar. Genau in diesem Gedanken liegt die enorme Kraft des konstruktivistischen Ansatzes für das Coaching. Probleme sind aus dieser Perspektive oft der gescheiterte Versuch des Klienten, sich bestimmte Bedürfnisse oder Wünsche zu erfüllen – jedoch innerhalb einer wenig hilfreichen Interpretation der Wirklichkeit.

Der Ausweg heißt: die Perspektive ändern. Nicht die äußere Situation muss sich zwangsläufig verändern, damit ein Problem lösbar wird. Oft reicht es, die Deutung dieser Situation zu verändern. Und genau dabei unterstützen Sie als Coach Ihren Klienten.

Die zwei Bewegungen konstruktivistischen Coachings

Konstruktivistisch zu arbeiten heißt, zwei Bewegungen bewusst zu vollziehen:

Erstens: Die Wirklichkeit des Klienten uneingeschränkt anerkennen. Das ist keine Zustimmung im Sinne von „Sie haben recht“, sondern eine Haltung, die sagt: „Ich verstehe, dass Sie es so erleben, und ich nehme Ihre Sicht ernst.“ Diese Anerkennung ist die Voraussetzung dafür, dass der Klient überhaupt bereit ist, seine Perspektive zu hinterfragen. Ohne dieses „Ja, so ist es für Sie“ gibt es kein „vielleicht ginge es auch anders“.

Zweitens: Gemeinsam nützlichere Perspektiven erarbeiten. Die Frage ist nicht, ob eine Perspektive „richtig“ oder „falsch“ ist. Die Frage ist, ob sie dem Klienten in seiner konkreten Lebenssituation hilft. Nützlichere Perspektiven eröffnen Handlungsspielräume, die vorher verschlossen schienen. Sie machen Bewegung möglich, wo vorher Blockade war.

Ein Beispiel

Ein Klient formuliert: „Meine Kollegin will mich fertigmachen.“ In dieser Konstruktion ist er das Opfer, sie ist die Täterin – eine Interpretation, die bestenfalls Widerstand, meist aber Rückzug oder Resignation nach sich zieht. Nachdem der Coach diese Sicht anerkannt hat, kann er einladen: „Was könnte es geben, was Ihrer Kollegin sonst noch wichtig ist – abgesehen von dem, wie Sie es aktuell erleben?“ Öffnet sich der Klient dieser Frage, entstehen häufig ganz andere Bilder. Vielleicht steckt Konkurrenzangst dahinter, vielleicht eigene Unsicherheit, vielleicht ein Missverständnis. Jede dieser neuen Deutungen eröffnet andere Handlungsoptionen als die ursprüngliche „Sie will mich fertigmachen“-Konstruktion.

Die philosophischen Wurzeln

Der Konstruktivismus als Denkschule hat viele Ursprünge – von Immanuel Kant über die Systemtheorie bis zu Autoren wie Paul Watzlawick, Ernst von Glasersfeld und Heinz von Foerster. Gemeinsam ist ihnen die Einsicht, dass unser Zugang zur Welt immer durch Wahrnehmung, Erfahrung und Sprache vermittelt ist. Wir haben keinen direkten Draht zu einer objektiven Realität, wir bauen uns unsere Wirklichkeit aus dem, was uns die Sinne, unsere Erinnerungen und unsere sozialen Bezüge liefern.

Für das Coaching ist diese Einsicht nicht abstrakte Philosophie, sondern tägliche Arbeitsgrundlage. Wenn Sie mehr über die theoretischen Grundlagen erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen unseren Blogartikel Was ist Konstruktivismus?

Konstruktivistisch im Zusammenspiel mit den anderen Ansätzen

Der konstruktivistische Ansatz beschreibt die Grundhaltung, mit der Sie als Coach der Wirklichkeit Ihres Klienten begegnen. Er wird konkret durch den systemischen Ansatz, der den Kontext des Anliegens sichtbar macht, und durch den lösungsorientierten Ansatz, der die Bewegung in Richtung Zukunft ermöglicht. Erst zusammen ergeben die drei Ansätze das methodische Fundament, auf dem professionelles Business Coaching aufbaut.

Konstruktivistisches Denken in der Ausbildung erlernen

Der konstruktivistische Ansatz zieht sich durch alle Module unserer Coaching Ausbildung in München. Er wird nicht als abstrakte Theorie gelehrt, sondern in jeder Übungssitzung praktisch spürbar – etwa wenn Sie lernen, die Wirklichkeit Ihres Klienten wertschätzend anzuerkennen und gleichzeitig respektvoll zu hinterfragen. Im Kernausbildungsmodul arbeiten Sie an konkreten Werkzeugen zur Perspektiverweiterung. Im Zertifizierungskurs vertiefen Sie die Arbeit mit Konstruktionen und Rekonstruktionen von Wirklichkeit.

Einen ersten Eindruck vom Zusammenspiel unserer methodischen Ansätze erhalten Sie in unseren Infoabenden zur Coaching Ausbildung.

Häufige Fragen zum konstruktivistischen Coaching-Ansatz

Bedeutet konstruktivistisch, dass alles nur „im Kopf“ ist?

Nein. Der konstruktivistische Ansatz leugnet nicht die Existenz einer Wirklichkeit. Er sagt lediglich, dass unser Zugang zu dieser Wirklichkeit immer über Wahrnehmung, Erfahrung und Sprache läuft – und dass wir uns aus diesen Bausteinen unsere eigene Sicht auf die Welt bauen. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedliche Wirklichkeiten daraus konstruieren. Beide sind für sich real und handlungsleitend.

Wenn Wirklichkeit konstruiert ist, ist dann jede Perspektive gleich gültig?

Aus konstruktivistischer Sicht gibt es keine objektiv „richtige“ Perspektive – aber es gibt nützliche und weniger nützliche. Im Coaching ist das entscheidende Kriterium nicht die Wahrheit einer Sicht, sondern ihre Wirkung im Leben des Klienten. Eine Perspektive, die den Klienten in Handlungsunfähigkeit und Opferposition hält, ist weniger nützlich als eine, die ihm Spielräume und Selbstwirksamkeit eröffnet.

Wie unterscheidet sich konstruktivistisches Coaching vom Reframing?

Reframing ist eine konkrete Technik, die im konstruktivistischen Ansatz eine wichtige Rolle spielt. Es bezeichnet das bewusste Umdeuten einer Situation, meist von einer negativen in eine neutralere oder positivere Bedeutung. Konstruktivistisch zu arbeiten geht darüber hinaus: Es ist die grundlegende Haltung dahinter – die Überzeugung, dass Perspektiven veränderbar sind und dass die Arbeit an Deutungen eine der wirksamsten Coaching-Bewegungen ist.

Ist der konstruktivistische Ansatz wissenschaftlich fundiert?

Ja. Der Konstruktivismus hat eine lange Tradition in Philosophie, Systemtheorie und Kognitionswissenschaft. Autoren wie Paul Watzlawick, Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster und Humberto Maturana haben ihn theoretisch fundiert. In der modernen Psychologie und Neurowissenschaft ist die Einsicht, dass unser Gehirn Wirklichkeit aktiv konstruiert statt sie passiv abzubilden, heute weitgehend anerkannt.

Wie erkennt ein Coach, welche Konstruktion einen Klienten festhält?

Meist zeigt sich die einschränkende Konstruktion in der Sprache des Klienten – in Absolutsetzungen („er ist immer so“), in Zuschreibungen („sie will mich fertigmachen“), in Selbstetiketten („ich bin einfach so“). Aufmerksames Zuhören und behutsame Nachfragen machen diese Konstruktionen sichtbar. Der Coach übernimmt sie nicht als Wahrheit, sondern behandelt sie als eine mögliche Sicht unter anderen – und öffnet damit den Raum, weitere Sichten zu prüfen.

Alle Module der Coaching Ausbildung im Überblick

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